Zwischen Deepfake und Vertrauen Markenkommunikation im KI-Zeitalter
Ein Interview mit Kommunikations- und Medienforscher Prof. Dr. Alexander Godulla
Interview
Alexander Godulla ist Professor für empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig. Dort forscht und lehrt er unter anderem zur Zukunft der künstlichen Intelligenz, zu immersiven Medien und zu neuen Darstellungsformen in Journalismus und PR. Im Masterstudiengang Communication Management verantwortet er die Methodenausbildung.
Sabine Clausecker: Wie schützen wir Markenkommunikation vor Deepfake-Manipulation?
Alexander Godulla: Indem wir medienethische Verantwortung mit technologischer Aufklärung verbinden. Der Schutz beginnt nicht erst beim Einsatz forensischer Tools zur Erkennung von Deepfakes, sondern bei der kommunikativen Resilienz einer Marke. Wer glaubwürdig kommuniziert, dialogfähig bleibt und medienkritische Kompetenzen im eigenen Team fördert, schafft Vertrauen, das beste Gegengift gegen digitale Täuschung.
Sabine Clausecker: Welche visuellen Formate prägen die Zukunft?
Alexander Godulla: Visuelle Kommunikation wird immersiver, interaktiver und individueller. Formate wie Augmented Reality, datengetriebene Visualisierungen oder KI-generierte Bewegtbilder setzen neue Maßstäbe aber nicht in technischer Überwältigung, sondern in narrativer Relevanz. Entscheidend bleibt, wie gut ein visuelles Format Anschlusskommunikation auslöst und nicht, wie spektakulär es aussieht.
Sabine Clausecker: Wie lässt sich Vertrauen in digitale Inhalte stärken?
Alexander Godulla: Vertrauen entsteht dort, wo Transparenz, Kontextualisierung und kommunikative Sorgfalt zusammenwirken. Digitale Inhalte brauchen Herkunftsnachweise, nachvollziehbare Quellen und redaktionelle Integrität. Technologie kann dabei unterstützen, aber die Haltung dahinter ist menschlich. Darüber zu wachen, sollte aktuell nicht automatisiert werden.
Sabine Clausecker: Welche Chancen bietet innovatives Storytelling?
Alexander Godulla: Innovatives Storytelling eröffnet neue Möglichkeitsräume der Rezeption und Partizipation. Ob nonlineare Erzählformen, gamifizierte Formate oder immersive Erlebnisse, wer die narrative Struktur klug mit digitalen Interaktionen verknüpft, kann Zielgruppen nicht nur informieren, sondern involvieren. Das schafft Bindung in einer fragmentierten Medienlandschaft.
Sabine Clausecker: Welche Kompetenzen brauchen Kommunikationsmanager morgen?
Alexander Godulla: Neben klassischem strategischen Denken gewinnen datenanalytische Fähigkeiten, technologische Urteilskraft und medienethisches Bewusstsein an Bedeutung. Kommunikationsmanager von morgen sind Brückenbauer zwischen Maschine und Mensch, zwischen Algorithmen und Aufmerksamkeit, zwischen Botschaften und Mehrwert.
Sabine Clausecker: Wo sehen Sie die Grenze zwischen effizienter Automatisierung durch KI und dem kreativen Mehrwert menschlicher Kommunikation?
Alexander Godulla: KI kann Prozesse optimieren, Inhalte personalisieren und Routinen übernehmen, aber sie bleibt ein Werkzeug. Der kreative Mehrwert liegt im menschlichen Vermögen, Ambivalenzen auszuhalten, kulturelle Kontexte zu deuten und Emotionen nicht nur zu erkennen, sondern auch verantwortungsvoll zu gestalten. Genau hier beginnt der kommunikative Unterschied.
Sabine Clausecker: Wie verändert sich die Dynamik von Krisenkommunikation, wenn manipulierte Videos oder Audios innerhalb von Stunden viral gehen können?
Alexander Godulla: Krisenkommunikation wird noch schneller, aber sie darf nicht hektischer werden. In einer Welt, in der Fälschungen in Echtzeit verbreitet werden, gewinnt die strategische Vorbereitung an Bedeutung: Frühwarnsysteme, Szenarienplanung und glaubwürdige Gatekeeper sind zentrale Elemente. Wer die Krise nicht antizipiert und ausschließlich reaktiv handelt, hat schon verloren.
Sabine Clausecker: Welche Kennzahlen sind aus Ihrer Sicht am geeignetsten, um den Erfolg von AR-, VR- oder Newsgame-Kampagnen zu messen?
Alexander Godulla: Neben klassischen Metriken wie Reichweite oder Verweildauer braucht es qualitative Erfolgsindikatoren: Wie stark war die kognitive Involvierung? Wie nachhaltig die Erinnerung? Wie intensiv die emotionale Bindung? Erfolg misst sich hier nicht allein an kurzfristigen Zahlen, sondern an langfristiger Wirkungstiefe.
Sabine Clausecker: Welche ethischen Leitplanken sollten Unternehmen bei der Nutzung von KI-gestützten Medienformaten einhalten?
Alexander Godulla: Transparenz über den Einsatz von KI, der Schutz der Privatsphäre und die Vermeidung manipulativer Praktiken bilden das Fundament. Unternehmen sollten sich nicht nur fragen, was technisch möglich ist, sondern was gesellschaftlich vertretbar bleibt und was dem Selbstbild ihrer Marke langfristig entspricht.
Sabine Clausecker: Wie kann man heute noch kohärente Markenbotschaften platzieren, wenn Zielgruppen über immer mehr Kanäle mit sehr unterschiedlichen Inhalten erreicht werden?
Alexander Godulla: Kohärenz bedeutet heute nicht mehr Uniformität, sondern Anschlussfähigkeit. Eine Marke muss auf unterschiedlichen Plattformen unterschiedliche Sprachen mit konsistenter Haltung sprechen. Entscheidend ist, dass der Markenkern überall spürbar bleibt, selbst wenn sich die Ausdrucksform wandelt.